Auf dem Werraradweg habe ich 2020 zum ersten Mal die Hinweisschilder auf den Eurovelo 13 gesehen und fand diese Idee ganz spannend — ein Radweg entlang des Eisernen Vorhangs, der Europa bis 1990 teilte. Als es im Winter an die Tourenplanung ging und ich Optionen für eine 10-tägige Tour suchte, fiel mir dieser Radweg wieder in’s Auge, zumindest ein gutes Stück dieses Weges sollten wir schaffen. :) Da es auch noch andere Ecken in dieser Region gibt die wir noch nicht gesehen, sollte es dann noch über Mühlhausen, Erfurt und Naumburg nach Leipzig gehen.

Der deutsche Teil ist auch als “Das grüne Band” bekannt, ist aber unter diesem Namen selten ausgeschildert. Ganz allgemein merkt man, daß dieser Radweg noch im Aufbau befindlich ist, die Beschilderung bewegt sich im Spektrum von nicht existent (Wendland bis Harz) bis hervorragend (entlang der Werra). Es empfiehlt sich, gutes Kartenmaterial dabei zu haben, sei es analog oder digital. Ich bevorzuge die Orientierung mittels Smartphone/OruxMaps/OpenAndroMaps und vorher am Rechner geplanter Route. Damit sind wir auch dieses Jahr wieder gut gefahren. Den bereinigten Track zum nachfahren oder als Grundlage für eigene Planungen gibt’s auch zum Download: Das Grüne Band / Eurovelo 13 . gpx

Etappe 1 · Wittenberge bis Güstritz im Wendland

Von Wittenberge zunächst nördlich, um in Schnackenburg noch fix das Grenzlandmuseum zu besuchen. Weiter ging es über den Arendsee (hier könnte man campen) in westlicher Richtung durch das Wendland. Offizielle Campingplätze sind etwas rar in dieser Gegend, wir durften dankenswerter Weise in der Villa Wendland unser Zelt aufschlagen, trotz kultureller Landpartie. Zwischen Himmelfahrt und Pfingsten ist es voll im Wendland!

Etappe 2 · Güstritz bis Oebisfelde

Nach einer entspannten und erholsamen Nacht im Zelt geht’s weiter immer entlang der ehemaligen deutschen Grenze. Die Beschilderung ist leider bescheiden bis nicht existent. Ohne meine bewährten Helferlein oruxmaps und openandromaps, der Vorplanung am Rechner und einer gehörigen Portion Ignoranz gegenüber den Hinweisschildern: keine Chance. Man kommt da sicher auch irgendwo hin, aber nicht auf dem ironcurtaintrail. Wenn man aber dessen offiziellem track folgt, dann radelt man auf einsamen Straßen durch verwunschene Dörfer und idyllische Natur. Einfach traumhaft.

Etappe 3 · Oebisfelde bis Veltheim

Spätestens auf dieser Etappe wird auch klar warum es Iron Curtain TRAIL heißt und nicht Iron Curtain Highway. Von Waldwegen über Schotter, abgerissene Bitumendecken, Kopfsteinpflaster und immer wieder Kolonnenwegen aus Betonformplatten war heute alles dabei. Das senkt die Reisegeschwindigkeit etwas, dafür bleibt mehr Zeit die traumhafte Landschaft zu genießen. Es gibt auch wieder Schilder! Nach 120km bei Marienborn könnten wir endlich digitale und analoge Welt wieder vereinen. Außerdem hatten wir heute ausreichend Gelegenheit unsere Regenkollektion auszuführen und dennoch genau eine halbe Stunde Sonne pur in Schöningen um Caffee&Kuchen zu genießen. Kann man im strömenden Regen eigentlich ein Zelt aufbauen? Klar, muß man aber nicht wenn es so herrliche Gästezimmer in Veltheim gibt. Mit heißer Dusche. :-))

Etappe 4 · Veltheim bis Okerstausee

Nach ein paar Kilometern sind wir heute bei Abbenrode vom offiziellen Track nach Westen abgebogen — für einen kleinen sidequest. Über Harlingerode und Göttingerode ab auf den Steinbrecherweg und damit die ersten ehrlichen Höhenmeter gesammelt. Auf diesem Weg sieht man aber auch was die Begriffe bedeuten: Waldsterben, Waldumbau, Borkenkäfer. In 30 Jahren steht da bestimmt ein schöner Mischwald, im Jahr 2022 muss man den sehr jungen Wald schon sehen wollen. Radfahrerisch war es trotzdem eine Wonne, sehr gut fahrbare Waldstraßen.

Etappe 5 · Okerstausee bis Hohegeiß

Wenn man schon in der Gegend ist kann man ja auch mal auf den Brocken hochfahren statt stur der ehemaligen Grenze zu folgen 8-). Vom Okerstausee über das Kellwassertal bis nach Torfhaus, dann den Goetheweg und an der Harzbahn entlang bis zum Gipfel. Grandios. Wir hatten sogar Sonnenschein und schöne Aussicht! Lohn der Mühen war dann die Abfahrt über die Brockenstraße (Achtung 30!). Eine Alternative zu unserer Tour ist es, schon eher — in Schierke — zu campieren. Das erspart ein paar Kilometer. Für uns ging es weiter über Sorge und Elend, wo es noch einen erhaltenen Originalabschnitt der Grenzsichungsanlagen gibt, auf Kolonnenwegen bis zu diesem herrlichen Zeltplatz in der Abendsonne von Hohegeiß. Achtung: Warnung vor dem Fuchse.

Etappe 6 · Hohegeiß bis Witzenhausen

Uns hat der Fuchs in der Nacht den Caffee geklaut hat (das wird der Fuchsmutti nicht gefallen haben was der Vati da nach Hause gebracht hat…), deshalb wurde die rasante Abfahrt am Südhang des Harzes durch ein schönes zweites Frühstück am Brunnen in Zorge unterbrochen. Da wir in den letzten Tagen etwas Vorsprung rausgefahren hatten, haben wir die Route spontan etwas erweitert und sind an diesem Tag doch noch den Eurovelo13 weitergefahren, statt bereits in Bad Heiligenstadt nach Süden abzubiegen. Durch herrlich hügelige Landschaft, strahlenden Sonnenschein, strömenden Regen und kühle Täler sind wir am Ende ~110km und ~1200Hm gefahren, trotz ausgiebiger Pause im wunderschönen Duderstadt. Der Campingplatz im Werratal ist sehr schön gelegen.

Etappe 7 · Witzenhausen bis Mühlhausen

Nach einer kühlen Nacht im Werratal starteten wir gemütlich in einen herrlich frühsommerlichen Tag. 60km folgten wir dem Werratalradweg — diesmal von Nord nach Süd. Er bleibt einer der schönsten Radwege die wir bisher gefahren sind, zauberhafte Landschaft, tip-top ausgebaut und ausgeschildert, das macht Hessen echt super! Aber auch unsere heutige Neuentdeckung ist eine absolute Empfehlung wert: der Unstrut-Werra-Radweg Von Treffurt schlängelt er sich auf einer alten Bahnstrecke das Tal entlang hinauf bis in den Hainich, dort wartet dann eine 10km Abfahrt durch den Wald, traumhaft! In Mühlhausen gibt es den Campingplatz am Schwanenteich. Falls der Kocher mal kalt bleiben soll: Das Ganesha ist eine Empfehlung.

Etappe 8 · Mühlhausen bis Erfurt

Von Mühlhausen geht es an der Unstrut entlang bis nach Bad Langensalza. Der Weg führte danach durch das wunderschöne NSG Unstruttal zwischen Nägelstedt und Großvargula mit blühenden Wiesen und dem seltenen Himmelblaune Bläuling. Bei Gebesee südlich abbiegen um 20 Kilometer fuhren entlang der Gera direkt bis zur Krämerbrücke in Erfurt zu fahren. Nach Erfurt hinein an der Gera entlang kommt man nur ins Staunen, was die BUGA in einem sozialen Brennpunkt für wundervolle Erholungsorte, Spielplätze, Seen und Freizeitareale ermöglicht hat.

Etappe 9 · Erfurt bis Naumburg

Die meiste Zeit fährt man auf dem Ilmradweg, dann auf dem Saaleradweg. Den kennen wir ja schon aus dem Jahr 2019, der Anblick der Rudelsburg ist schon immer wieder beeindruckend. Ab Bad Kösen eigentlich eine wunderschöne Strecke am Weinhang entlang bis zum Blütengrund in Naumburg — allerdings nicht wenn Weinmeile ist. Dann lieber die Landstraße fahren ;)

Etappe 10 · Naumburg bis Leipzig

Und das war’s schon wieder! Nach einem kleinen Sprint von Naumburg nach Leipzig (51km, sehr schöner ruhiger glatter Radweg) endete unser diesjähriger Fahrradurlaub leider schon wieder. Wir haben wunderschöne, einsame und wilde Ecken von Deutschland gesehen, gut gegessen und das Leben im Freien genossen.

Statistics

Gesamtstrecke 820km
Zeit in Bewegung 66:10:03
Höhenmeter 5910m

Infos

https://en.eurovelo.com/ev13
https://www.bund.net/themen/gruenes-band/gruenes-band-erleben/
https://www.esterbauer.com/bikeline/europa-radweg-eiserner-vorhang-3-deutsch-deutscher-radweg/